Gastbeitrag zum Beitrag über Rechtsabbieger…

Folgender Kommentar erreichte die hannovercyclcehic-Redaktion und ist es wert als eigenständiger Beitrag veröffentlicht zu werden.

Zum Hintergrund: In Aktuell zur Wahl: Schutz vor Rechtsabbiegern… wurde der Planning Guide des Massachusetts Department of Transportation vorgestellt. Unser Leser zeigte in seinem Kommentar die Situation in Norwegen auf, wo eine ähnlich intensive Beschäftigung mit dem Thema Radverkehrsförderung durch separate, mehr Raum einnehmende Fläche stattfindet wie in den USA:

„Schöne Broschüre aus Massachusetts! Sie zeigt aus meiner Sicht sehr umfangreich und konsequent, warum eine Separation vom Autoverkehr den Radverkehr fördert und wie logischerweise Radwege auszusehen haben (Trennung vom Auto- und Fußverkehr ab bestimmter Verkehrsmenge, absetzen der Furten an Knotenpunkten für bessere Übersichtlichkeit und Sicherheit, etc.).

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Radwegefurt: höhengleich mit Radweg und Fahrbahnverengung, ohne Sichtbehinderung durch Parkplätze und deutlich sichtbarer Bodenmarkierung    Warum nicht auch hier in Hannover, fragt dieser Beitrag aus der Reihe: hannoverCYCLE ‚Better in the Block‘ Lust auf Fahrrad?, eher Frust aufm Fahrrad!‘

Die Empfehlungen für eine sichere Radinfrastruktur decken sich im Wesentlichen mit denen, die kürzlich in einem ganz anderen Teil der Welt aufgestellt wurden, nämlich in Norwegen oder genauer in Oslo. Oslo hat sich zum Ziel gesetzt, Fahrradstadt zu werden, [Anm. hannovercyclechic: Oslos Ziel ist eine autofrei City bis 2019! Da wird Herrn Engelke von der FDP in Hannover schon ganz schwummerig, nur bei dem Gedanken, und die Norweger machen das einfach mal!] und anders als in Deutschland zieht das tatsächlich ernsthafte Maßnahmen nach sich.

In Oslo wurde nun eine Richtlinie entworfen, die für Norwegen geradezu revolutionär ist, weil die nationale Transportbehörde alles andere als flexibel auf die Anforderungen des Radverkehrs reagiert hat. Mehr hier: http://www.copenhagenize.com/2016/06/the-oslo-standard-next-level-bicycle.html

Der „Oslo-Standard“ [als PDF-Datei]: http://copenhagenize.eu/dox/oslo_standard.pdf

Überraschend und erfreulich wie sich diese beiden Standards aus den USA und Norwegen gleichen. Denn sie beruhen beide auf dem Radwegedesign, das in den Niederlanden seit Jahrzehnten erfolgreich umgesetzt wird. Im Radverkehr kommt also alles immer zurück auf die Niederlande.

hannovercyclcechic-sicheres-kreuzungsdesign-in-oslo

So geht sichere Kreuzung, siehe auch diesen Beitrag dazu: Frau Antje watscht Puttchen Brammel… Wer anderes ausprobiert, schmeißt Steuergelder zum Fenster raus. Liebe Verwaltung, guck nach Holland und mach mit, mach ’s nach, …mach ’s besser brauchste gar nicht!

Umso erschreckender finde ich die Entwicklung in Deutschland. Während anderswo auf separate Radwege gesetzt wird, werden in Deutschland Radfahrstreifen propagiert (direkt zwischen fahrenden Autos und parkenden Autos). Keine Sicherheitszone, kein komfortabler Abstand zum großen, lauten und schweren Verkehr. Während anderswo auf glatten und ebenen Asphalt gesetzt und sogar darauf geachtet wird, dass keine Gullideckel im Radwegbereich existieren, werden hier in Deutschland Radwege oft aus Pflastersteinen hergestellt. [Anm. hannovercyclechic: Haste gehört Hannover? Du bist nicht mal Standard, auch wenn Deine gepflasterten Radweg so heißen!] Während anderswo auf Radwege rechts von parkenden Autos gesetzt wird, setzen wir hier in Deutschland auf Radfahrstreifen links von parkenden Autos.

Während anderswo auf abgesetzte Radverkehrsfurten gesetzt wird, um die Sicherheit für Radfahrer zu erhöhen, werden hier in Deutschland Radwege gefördert und gefordert (auch vom ADFC), wo die Radfahrer vor Knotenpunkten an die Fahrbahn herangeführt werden. Während anderswo die Geschwindigkeit des motorisierten Verkehrs in Konfliktpunkten reduziert wird, indem die Abbiegeradien durch bauliche Maßnahmen verkleinert werden, sieht man hier in Deutschland immer häufiger Radfahrstreifen, die von rechtsabbiegenden Autos weit vor dem Knotenpunkt gekreuzt werden müssen und mit dementsprechend hoher Geschwindigkeit, da keinerlei baulichen Maßnahmen existieren.

hannovercyclcechic-fahrbahnverengung-und-seitliche-radwegefurten-in-oslo

Der Radfahrer fährt ungehindert geradeaus, während Autofahrer entgegenkommende Autos beachten und ggf. durchlassen müssen. So sehen fortschrittliche Lösungen zur Radverkehrsförderung aus. Nur wenn menschen mit dem Rad in der Stadt bei unter 5 km schneller, sicher und komfortabel an ihr Ziel gelangen, steigen sie um. Und auch wenn sich die meisten Politiker nicht trauen, das laut zu sagen: Der motorisierte Verkehr muss dafür zurückstecken, nachdem er Jahrzehnte Vorrang hatte!

Während anderswo erkannt wurde, dass der Komfort und das Sicherheitsgefühl entscheidenden Einfluss auf die Entscheidung für oder gegen das Fahrrad haben, und dementsprechend handeln, wird hier in Deutschland gerade genau das Gegenteil getan, weil die Verkehrssicherheit von Radfahrern auf Radfahrstreifen angeblich höher ist als auf Nebenanlagenradwegen. Aber wen wundert das, wenn 90 % der Nebenanlagenradwege in Deutschland katastrophal designt sind? Da kann der Vergleich ja nur zugunsten der Radfahrstreifen ausfallen, da diese erst seit kurzer Zeit angelegt werden und damit größtenteils immerhin den heutigen Mindestanforderungen entsprechen.

Vor allem aber erschreckt mich, dass während anderswo ein Radverkehrssystem für ALLE geschaffen wird, dass aber hier in Deutschland der Trend zu einer Radinfrastruktur geht, die nur von besonders sicheren und besonders schnellen Radfahrern genutzt (werden) wird (lies: nicht von Jungen und Alten).

Kann mal jemand bitte was dagegen unternehmen?“

Wir tun unser Bestes, verehrter Leser, und Du (gerne mehr davon) ja inzwischen auch, das freut die chicas und chichos von der hannovercyclcechic-eria

P.S. Best of Planung und Werkzeuge gibt es übrigens ganz aktuell zusammengefasst bei der Cycling Embassy aus dem’noch‘ Vereinigten Königreich: http://www.cycling-embassy.org.uk/blog/2016/09/25/the-one-off-guides-and-standards-and-tools-roundup.

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Ein Gedanke zu “Gastbeitrag zum Beitrag über Rechtsabbieger…

  1. […] hannovercyclechic wurde demletzt ein Leserbrief als eigener Gastbeitrag veröffentlicht, weil er inhaltlich quasi den Befehl dazu gegeben hat. Und da ich ihn ebenfalls höchst lesenswert […]

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