Berühmte Stadtplaner(-in?): #2 Jane Jacobs und die amerikanische Stadt

Dancing in the Streets

Als Jane Isabel Butzner als Neunzehnjährige das erste Mal aus der U-Bahn Station an der Christopher Street in das New Yorker Greenwich Village, trat, war sie laut eigenen Worten „verzaubert“. Sie verbrachte einen ganzen Nachmittag in den kleinen Straßen, hinter deren vielen Ecken sich ihr eine bunte Mischung aus inhabergeführten Handwerksläden, Antiquariaten, italienischen Eiscafés, kleinen Galerien sowie den für die Gegend typischen Sandsteinhäusern eröffnete. Diese Unregelmäßigkeit, das Kleine im Großen, faszinierte sie so nachhaltig, dass sie kurz darauf, nicht einmal 500 Meter von besagter U-Bahn Station entfernt, in das Viertel zog. Die nächsten 33 Jahre ihres Lebens machte sie das Village zu ihrem Zuhause und auch zum Dreh- und Angelpunkt ihrer einflussreichen Ideen zur Stadtentwicklung.

jane jacobs

Jane Jacobs 1)

Hier, wo Manhattans berühmter Rasterplan, welchen der Commissioners’ Plan von 1811 der Stadt auferlegt hat, so überraschend unterbrochen wird, als wäre dem Planer das Geodreieck verrutscht (tatsächlich durfte das damals noch eigenständige Greenwich Village sein quer angeordnetes Straßensystem aus dem 18. Jahrhundert behalten), bezogen Jane und Bob Jacobs 1947 ein Haus in 555 Hudson Street – für damals 7.000 Dollar (2009 stand das Haus für 3,5 Millionen Dollar zum Verkauf).

Jane Jacobs war, anders als die bisher in dieser Reihe vorgestellten Personen, keine Stadtplanerin, sondern machte sich im New York der 1950er und 1960er Jahre einen Namen als Kritikerin von Stadtplanung – und sollte sich später auch mit Robert Moses, New Yorks technokratischen „Meisterplaner“ des 20. Jahrhunderts, anlegen.

1916 in Scranton, Pennsylvania geboren, schlug Jacobs zuerst eine journalistische Laufbahn ein. Als freischaffende Autorin schrieb sie für das patriotische Amerika-Magazin und ein Architekturjournal. Als sie eines Tages für ihren Boss mit einer Rede über fehlgeleitete Stadtplanung in East Harlem einsprang, war das der Auslöser für ihre Karriere als Stadtaktivistin und Autorin – dass sie dabei eigentlich nicht vom Fach war, wurde ihr später noch oft vorgehalten.

Fortan machte sich Jane Jacobs einen Namen als Verfechterin der lebendigen Stadt und Gegnerin der voreiligen Verurteilung von Stadtvierteln als Slums und dem damit einhergehenden Abriss- und Sanierungswahn der 1960er.

jane jacobs manhattan luftbild

LOMEX – Lower Manhattan Expressway 3)

Gegen die technokratischen top down-Ansätze eines Robert Moses brachte sie konsequent organische bottom up-Prozesse ins urbane Planungsspiel. Städte brauchen Unordnung, sagte sie. Man könne eine organisch gewachsene Stadt nicht von oben herab neu planen. Tue man dies, sorge dies für Sterilität und das soziale Netz löse sich auf. Diese Unordnung beinhaltet auch eine Verdichtung von heterogenen Nutzungen, eine Verwebung alter und neuer Bausubstanz, kurze Straßen und viele Straßenecken, um die herum sich ein lebendiges Fußgängeraufkommen abspielt.

„Diese Ordnung besteht aus Bewegung und Wechseln. . . . Man kann diese Bewegung als Kunst betrachten, als Tanz. Nicht als einfältigen Präzisionstanz, in dem sich alle im Gleichschritt drehen und sich geschlossen verbeugen. Nein, als ein raffiniertes Ballett, in dem die einzelnen Tänzer und Ensembles eigenständige Parts tanzen, die sich auf wundersame Art und Weise gegenseitig bestärken und so ein geordnetes Gesamtkunstwerk erschaffen. Beim Ballett des guten Bürgersteigs gleicht keines dem anderen und jedes ist umso reicher an Improvisationen.“
(aus Tod und Leben großer amerikanischer Städte, 1961)

Überhaupt betrachtete Jacobs Straßen und die Menschen (nicht die Autos!) in ihnen als die wichtigsten Pfeiler einer lebendigen Stadt. Das wird in ihrer „eyes on the street“ Metapher deutlich:
„Die Augen müssen auf die Straße gerichtet sein, die Augen der natürlichen Eigentümer der Straße. . . . Um die Sicherheit von Anwohnern und Fremden zu gewähren, müssen Gebäude zur Straße hin blicken. Sind sie mit dem Rücken oder ihrer fensterlosen Seite zur Straße ausgerichtet, sind sie blind.“

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Jane Jacobs und ihre Prinzipien Bild 2b)

Nach dieser Maxime des „wachsamen Nachbarn“ (die natürlich überhaupt nichts mit Überwachungsfantasien eines Rudolph Giuliani gemein haben) werden auch heute wieder Gebäude in schwierigen Stadtvierteln angelegt – was sich auch auf die bekannteste Problemimmobilie Hannovers übertragen lässt. Das Ihmezentrum wird seit seiner Erbauung oft als Angstraum beschrieben, was vielleicht mit den dunklen, tunnelartigen und schlecht einsehbaren Durchgängen zusammenhängt. Jacobs hätte hier jedoch auch die kolossartige Bauweise bemängelt, die den Fußgänger geradezu erdrückt.

Ebenso stand Jacobs als Gegnerin der von Stadtplaner Robert Moses geplanten Stadtautobahn LOMEX („LOwer Manhattan EXpressway“) durch den südlichen Teil Manhattans wie keine andere für die fußgängerfreundliche Stadt. Damals noch belächelt, da sie mit dem Fahrrad durch Manhattan zur Arbeit fuhr, schrieb sie in ihrem Spätwerk Dark Age Ahead (2004) gewohnt provokativ: „Nicht das Fernsehen oder illegale Drogen, sondern das Auto war der Hauptvernichter der amerikanischen Gemeinde.“ Robert Moses, der als Planer der Auto freundlichen Stadt übrigens selber keinen Führerschein besaß, musste klein beigeben, und Greenwich Village wurde vom Bau der Stadtautobahn verschont (Demnächst geht der Kampf zwischen dem „Meisterplaner des 20. Jahrhunderts“ und seiner Gegnerin sogar als Musical in die Popkultur ein). Jacobs Ideen wurden derweil im vergangenen Jahrhundert auch in Deutschland aufgegriffen – u. a. von den Städtebaukritikern Alexander Mitscherlich und Wolf Jobst Siedler.

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Gritty Chic auf der High Line (Foto von Annabel Friedrichs)

Dass Jacobs’ Kritik an Sanierung und ihre Idee vom kreativem Chaos aber auch gegenteilige Effekte nach sich ziehen kann, zeigt sich heute in zahlreichen Großstädten rund um den Globus – und auch in New York selbst. Längst ist ihre (Anti-)Doktrin zur Maxime heutiger Stadtplanung geworden, und „creative cities“ zu den Hauptstädten dessen, was man unter Gentrifizierung, also der ökonomischen Verdrängung alteingesessener Bewohner und Geschäfte durch den Zuzug zahlungskräftiger(er) Gruppen fasst. Ein spektakuläres Projekt wie die High Line in New York (eine ehemalige Güterzugtrasse im Meatpacking District, die zu einem Park umgebaut wurde) zeichnet sich im Sinne Jacobs einerseits dadurch aus, dass sie eben nicht zentral von Stadtplanern, Investoren und Bauverwaltungen am Reißbrett entwickelt wurde, sondern das Resultat einer lokalen Bürgerinitiative und Non-Profit-Organisation ist.

Gleichzeitig ist sie — stellvertretend für viele vergleichbare Projekte — aber auch eine Haupttriebfeder von urbanen Prozessen, die zu steigenden Mieten, hohen Grundstückspreisen und Prozessen ökonomischer Verdrängung führen. Somit wird die Attraktivität eines Viertels wie dem Meatpacking District oder dem Greenwich Village seine eigene Attraktivität sozusagen zum Verhängnis. Der bunte Mix aus historischer Bausubstanz, alteingesessenen, ethnisch wie ökonomisch oftmals heterogenen Bewohnern und neuzugezogenen „Kreativen“ kann dabei, neben allen unbestritten positiven Folgen, eben auch zu einer Stadt(teil)kultur führen, die geradezu dafür gemacht ist, von umtriebigen Immobilienmaklern zur Ansiedlung von Luxusimmobilien genutzt zu werden. Vom New Yorker Greenwich Village bis zum Hamburger Schanzenviertel lässt sich diese Fluchtlinie des lebhaften ‚gritty chic’ nachvollziehen. Und wenn die Kommerzialisierung der „Lebhaftigkeit“ einer Stadt (und der Einzug von soziostrukturell homogenen Bewohnergruppen) in hippen Vierteln ihre Spuren hinterlassen (Starbucks, Stadtlofts, Street-Style Läden), bleibt dort leider nicht mehr viel Platz zum Tanzen. (In Jacobs’ Haus in der 555 Hudson Street befindet sich heute übrigens eine Immobilienfirma.)

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Jane Jacobs’ Haus in der 555 Hudson St., New York (Foto von Annabel Friedrichs)

Diese ungewünschten Folgen zu bedenken ist sicherlich die größte Aufgabe von zukünftigen Projekten, die das Kleine in der Großstadt erhalten und fördern wollen. Dann bieten Jane Jacobs’ Ideen von einer bunten, fußgänger- und radfahrerfreundlichen statt autogerechten Stadt auch nach über 50 Jahren noch enorme Potentiale, um Städte nicht nur für Immobilienmakler, sondern für alle Bewohner lebhaft zu machen.

Hannover ist zwar nicht New York, aber hier kannst du schauen, was Jane Jacobs zu deinem Stadtteil sagen würde.

Vielen Dank an Annabel Friedrichs und Florian Groß für diesen interessanten Beitrag 

Leben und Sterben amerikanischer Großstädte

Bildnachweise:
1) Jane Jacobs (Bild von boweryboyshistory.com)
2a, Beitragsbild, und2b) Jane Jacobs und ihre Prinzipien (Illustration von James Gulliver Hancock)
3) LOMEX (Bild von https://cdn.citylab.com/media/img/citylab/2014/04/22/lower_manhattan_expressway1_r/lead_large.jpg?1399929579)

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