Urbane Intervention: PlatzDa!-Initiative in Bachelorarbeit wissenschaftlich analysiert

Lotta Braunert hat sich neben den Urbanen Interventionen von Park Fiction in Hamburg und dem Platz Projekt in Hannover auch mit der PlatzDa!-Initiative beschäftigt. Der folgende Text ist ihrer Bachelorarbeit entnommen. (Gesamte Bachelorarbeit von Lotta Braunert über Urbane Interventionen als PDF-Datei)

„Unter dem Titel PlatzDa! fanden im Sommer 2016 vier Interventionen auf dem Lindener Markt in Hannover statt. Teilnehmer*innen der Aktion besetzten nach dem Wochenmarkt am Samstag die Parkplätze und bespielten diese mit kreativen Aktionen.

Anlass von PlatzDa! war der Wunsch ein ruhiges Klima im Stadtteil zu schaffen, das kinder- und fahrradfreundlich ist und auf ein Miteinander-Leben in der Stadt setzt. Vor dem Hintergrund des knapper werdenden Raums, stelle sich die Frage der Verteilung des öffentlichen Raums. Eine zentrale Forderung der Initiator*innen sind verkehrsberuhigte Stadtteilplätze, nach dem Vorbild von Kopenhagen. So würde mehr Platz für Kinder, Fahrräder und Begegnung und Austausch geschaffen. Außerdem führe eine klarer getrennte Infrastruktur nach den Verkehrsteilnehmenden zu weniger Konflikten und Unfällen. Auch führten verkehrsberuhigte Plätze zu einer besseren Aufenthaltsqualität und somit zu einer gestärkten Nachbarschaft, da Platz für Begegnung und Austausch vorhanden sei.

Oliver Thiele ist der Hauptinitiator hinter PlatzDa!. Durch einen Besuch in Kopenhagen, sei er auf die Idee gekommen in Linden aktiv zu werden. Dort habe er mit seinen Kindern keine kritische Situation im Straßenverkehr erlebt, obwohl sie mit dem Fahrrad unterwegs waren. Er begann mit Freunden und Bekannten Aktionen zu planen, mit denen die Parkplätze auf dem Lindener Markt besetzt und die Nachbarschaft zusammen-gebracht werden sollten. Entstanden sei eine lose und heterogene Planungsgruppe, berichtet Thiele. Nach jeder Aktion ist die Gruppenzusammensetzung anders, wenige seien jedes Mal dabei. Die meisten kämen aus dem Gebiet rund um den Lindener Markt, der Rest aus Linden generell. Von Studierenden bis Rentner*innen seien fast alle Alters- und Beschäftigungsgruppen vertreten, allerdings sei die in Linden eigentlich stark vertretene Gruppe der 25-40 Jährigen unterrepräsentiert.

hannovercyclechic PlatzDa! in der HAZ

Zeitungsartikel über die PlatzDa!-Aktion am 21.05.2016 Quelle: Stadtanzeiger West der HAZ vom 26.05.2107

Die erste Aktion fand am 21.05.2016 statt. Unter dem Motto „Park(ing) Day Aus Parkraum wird Lebens(t)raum“ bespielten die Teilnehmerinnen den Platz von 14-18 Uhr. Rund 200 Stadtteilbewohnende kamen mit Stühlen, Tischen und allerlei Spielzeugen und eigneten sich den Marktplatz für einen Nachmittag an.

Den Sommer über fanden weitere Aktionen statt, die allerdings nicht mehr ganz so viel beachtet wurden. Am 04.Juni 2016 lud PlatzDa! zu einem Picknick auf dem Marktplatz ein. Laut Thiele kamen rund 30 Leute, um gemeinsam auf dem Platz zu essen, zu spielen und sich auszutauschen. Eine dritte Aktion fand am 18. Juni statt, dieses Mal wurde ein Flohmarkt initiiert. Im August gab es einen Nachmittag „Yoga für alle“, an dem laut Thiele etwa 15 Leute teilnahmen und eine „Outdoor-Gym“ mit etwa 10 Teilnehmenden. Trotz des Rücklaufs an Teilneh-menden bei den Aktionen, blieb PlatzDa! durch sehr aktive Pressearbeit im Gespräch. Das Stadt-Kind-Magazin, die Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ) und der Lindenspiegel berichteten über PlatzDa!. Wieder mehr Aufmerksamkeit zog die Podiumsdiskussion unter der Frage „Wie wollen wir in Zukunft leben?“ auf sich. Am 9. Februar 2017 versammelten sich etwa 150 Gäste im Lindener Rathaus und diskutierten mit einer Vertreterin des Einzelhandels, einem Grünen-Politiker, einer CDU-Politikerin und Prof. Heiner Mohnheim, Verkehrsexperte.

hannovercyclechic PlatzDa! am 21 05 2016 auf dem lindener markt (33)

Knapp 200 Anwohner*innen kamen zur ersten Aktion Quelle: Knapp 200 Anwohner*innen kamen zur ersten Aktion Quelle: https://hannovercyclechic.wordpress.com

Die ersten Aktionen wurden hauptsächlich aus eigener Hand finanziert. Die Ausgaben seien aber überschaubar gewesen, so Thiele. Etwa 500 € habe man für Materialien wie Straßenkreide und Luftballons ausgegeben, Flyer wurden von Velocitynight, ein Veranstaltungs-Netzwerk rund um Fahrräder in der Stadt, finanziert.

Über die Plattform Hannovermachen.de wurde am 21. November eine Crowdfunding-Aktion zur Finanzierung weiterer Aktionen gestartet.

Die Einnahmen sollen für weitere Aktionen genutzt werden sowie um Experten zu Mobilitätsfragen einzuladen. Bis zum 08.03.17 wurden über die Plattform 2.184 € gesammelt. Weitere Unterstützung erhielt die Initiative vom Bürgerbüro Stadtentwicklung in Form von Beratung und Öffentlichkeitsarbeit, der Bezirksrat Linden unterstütze finanziell den Besuch von Prof. Mohnheim.

Methodisch hat sich die PlatzDa! Initiative altbewährten Mitteln bedient. Die Mobilisierung von Teilnehmenden wurde hauptsächlich durch Mund-zu-Mund Propaganda und Flyer-Verteilung betrieben. Auf sozialen Medien wie z.B. Facebook wurden die Veranstaltungen und Presseberichte geteilt. Die gute und professionelle Pressearbeit hob auch Herr Göbel-Groß, Stadtgestalter der Stadt Hannover, als entscheidenden Faktor für die große Öffentlichkeit der Aktion hervor. Immer wieder berichtete vor allem die HAZ über die Aktionen, auch im Schädelspalter und dem Stadtkind fanden die Aktionen Beachtung, sowie in Linden-spezifischen Blättern wie dem Lindenspiegel. Thiele hebt auch den Spaßfaktor der Aktionen hervor. Man habe versucht über einen spaßigen Ansatz die Leute abzuholen.

So solle der Raum wortwörtlich „bespielt“ werden und das Thema, wem der öffentliche Raum zusteht, zwar ernsthaft diskutiert werden, aber mit einer großen Menge Humor.

Wichtig sei, Leute aktiv anzusprechen und aufzusuchen, insbesondere vermeintliche Gegner wie Vertreter der CDU oder des Einzelhandels. So würden Konflikte vermieden und ein großer Rückhalt in der Bevölkerung geschaffen.

170216-haz-stadtanzeiger-west-podiumsdiskusssion

PlatzDa!-Podiumsdiskussion am 07.02.17 im Lindener Rathaus: Bleibt der Markt ein Parkplatz? Quelle: Stadtanzeiger West der HAZ vom 16.02.17

Dass diese Methoden wirksam eingesetzt worden sind, zeigt die große Teilnehmendenzahl der ersten Aktion und auch die große Resonanz in den Medien. Die Teilnahme von rund 200 Bewohnenden aus Linden, kann als Erfolg gewertet werden, auch wenn Thiele selbst kritisch bleibt. Es hätten noch mehr Menschen teilnehmen können, er hatte eher auf 500 Teilnehmende gehofft. Trotzdem sei die Aktion gut gelaufen, auch durch die offene Gestaltung. Es sei lediglich der Rahmen gegeben worden, wer dann was bei der Aktion mache, sei jedem selbst überlassen geblieben. So gab es, von Straßenmalerei über eine Slackline bis zu einer mobilen Fahrradwerkstatt, ein großes Angebot an Beschäftigungen. Die Teilnehmenden seien zwar überwiegend die üblich Verdächtigen aus dem Stadtteil gewesen, doch beobachtete Thiele auch einige Passant*innen, die von Zuhause mit Stuhl und Tisch wiederkamen.

Die Reichweite der PlatzDa!-Aktionen ist durchaus groß. Viele in Linden hätten schon mal von der Aktion gehört, behauptet Thiele. Auch seien die Reaktionen ausschließlich positiv gewesen. [Anm. der PlatzDa!-Ini: Auschließlich positiv? Nicht ganz… Stratzek Lemmermann, der anonyme, grantige Dauerkritiker, lässt nach wie vor kein gutes Haar an unserem Engagement.]  Dies bestätigt auch die Wahrnehmung von Herrn Geschwinder, Leiter Verkehrsentwicklung und Verkehrsmanagement des Fachbereichs Verkehr der Region Hannover, der eine große Strahlkraft der Initiative innerhalb von Linden sieht, im Stadtgefüge allerdings sei PlatzDa! weniger präsent. Ähnlich nimmt auch Herr Göbel-Groß die Intervention wahr. Es sei zwar eine Veranstaltung unter vielen, einen Wiedererkennungseffekt erziele man erst mit einer hohen Kontinuität, doch sei die Aktion durch umfangreiche Pressearbeit im Bewusstsein der Leute, besonders in Linden. Göbel-Groß steht der PlatzDa!-Initiative positiv gegenüber: „Das ist Nutzung des öffentlichen Raums im besten Sinne“. Der öffentliche Raum stehe für temporäre und verschiedenartige Nutzungen immer zur Verfügung und derartige, kreative Aktionen von engagierten Bürgerinnen könne man sich für jeden Stadtteil nur wünschen. Auch Frau Blaich-Niehaus und Herr Mohr vom ADAC, bewerten die Aktion positiv. Man habe alle Interessen, gerade bei der Podiumsdiskussion, beachtet und einen Raum für Austausch geschaffen. Wenn man tatsächlich die Parkplätze vom Markt entfernen wolle, müsste man genau schauen wie man diese gut verlagern könne. Beide betonten, wie wichtig ein Umgang auf Augenhöhe sei und dass bei Veränderungen ein möglichst breit getragener Konsens geschaffen werden müsse.

Laut Thiele wollen die Grünen das Thema des autofreien Lindener Markts in den Bezirksrat aufnehmen. Auch habe sich das Thema in viele Richtungen aufgefächert, es seien Kontakte zur CDU und den Linken entstanden und insgesamt viel Kommunikation zwischen verschiedenen Interessensvertretungen zu Stande gekommen.

Persönliches Fazit (von Lotta Braunert) zu PlatzDa!:

Ob die Aktion dauerhafte Spuren im Raum hinterlassen kann, wird sich erst in Zukunft zeigen. Die PlatzDa!-Aktionen konnten sicherlich eine Diskussion anstoßen, in Linden aber auch in Hannover generell. Am 07.03.17 berichtete die HAZ über Vorschläge von Politikerinnen, zur Verbesserung der Parkplatzsituation in Hannover. So wurde die Zielsetzung zumindest teilweise erreicht. Rund um den Lindener Markt, gibt es viel Bewegung und Austausch über den Umgang mit öffentlichem Raum und wie man die Mobilität in Zukunft gestalten möchte. PlatzDa! zeigt, wie durch temporäre Eingriffe ein dauerhafter Prozess angestoßen bzw. begleitet werden kann.“

Vielen Dank an Lotta für ihre interessante Betrachtung und die Erlaubnis diesen Auszug aus der Bachelorarbeit hier veröffentlichen zu dürfen!

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5 Gedanken zu “Urbane Intervention: PlatzDa!-Initiative in Bachelorarbeit wissenschaftlich analysiert

  1. „Auch seien die Reaktionen ausschließlich positiv gewesen.“ Ausschließlich? Können wir da nicht wenigstens ein „abgesehen von Stratzek“ einfügen? Das erinnert mich jetzt schon an die Pro-D-Tunnel-Fredis, von denen viele behauptet haben, die Mehrzahl der Hannoveraner würden gerne unterirdisch Stadtbahn fahren.

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    • Hallo Stratzek, welcome back!

      Gerne folgen wir Deiner Bitte und haben den Text um Deinen Einspruch ergänzt. 😉

      In Bezug auf Straßenbahn contra Tunnel sind wir übrigens (D)einer Meinung: U-Bahnen haben den Nachteil längerer Wege (rauf und runter), sind gefühlt unsicherer und bieten nicht soviel Aussicht, Licht und Luft wie die Fahrt mit einer Straßenbahn. Von den Kosten des Tunnelbaus ganz zu schweigen.

      Hätte Hannover in der Vergangenheit auf Niederflur gesetzt, stünde der weiteren Erfolgsgeschichte der Straßenbahnen nichts im Wege… Außer natürlich der autogerechte Umbau der Stadt in den 60- und 70-er Jahren, für den unter anderem die Bahn „unter die Erde“ musste.

      Mach ’s jut, Latzek Stremmermann, bis zum nächsten Mal, Deine #hannovercyclechic-eria!

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  2. […] Trotz des Rücklaufs an Teilneh-menden bei den Aktionen, blieb durch … Velocitynight, ein Veranstaltungs-Netzwerk rund um Fahrräder in der… Originalartikel lesen: Urbane Intervention: PlatzDa!-Initiative in Bachelorarbeit… […]

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