Lest mehr Jan Gehl und Jane Jacobs, liebe Planerinnen und Planer! – TEIL 1

Lebenswerte Städte? Verkehrswende? Mehr Platz für Kinder, Radfahrerinnen und Radfahrer? Bessere Luft? Mehr Raum für Begegnung von Menschen auf Straßen und Plätzen?

Nur weniger motorisierter Individualverkehr wird — neben attraktiven Angeboten wie einem gut ausgebauten Radwegenetz, autofreien Stadtteilplätzen, einem bezahlbaren, eng getakteten ÖPNV, etc. pp. — zu lebenswerten Städten und einer wirklichen Verkehrswende führen. Die Lebensqualität vieler Menschen in der Stadt sinkt nicht, wenn nicht alle überall bequem von Haustür zu Haustür mit dem eigenen KFZ fahren können, ganz im Gegenteil: Die Lebensqualität steigt!

Deutschland- und europaweit machen es uns viele Städte vor, wie — politischer Wille vorausgesetzt — Maßnahmen für lebenswerte Städte effektiv, kostengünstig und zügig  umgesetzt werden können.

Wir stellen Ihnen und Euch in zwei Teilen (Link zu TEIL 2) einige Maßnahmen beispielhaft und mit weiterführenden Links vor:

Teil 1

Teil 2

 

Verkehrsberuhigung: Superblocks in Barcelona

Die sogenannten Superblocks in Barcelona bestehen aus 3×3 Häuserblocks (ca. 400x400m), um die der motorisierte Verkehr herumgeleitet wird. Lediglich Anwohner-, Handwerker- oder Anlieferungsfahrzeuge dürfen in die Superblocks einfahren. Die Höchstgeschwindigkeit im Block beträgt 10 km/h und lässt sich mit dem Tempo auf Campingplätzen vergleichen.

hannovercyclechic barcelona superblocks grafikZiele sind u. a. die Reduzierung der Abgas- und Lärmbelastung in den Wohnvierteln, mehr Platz vor der Haustür gegen die Bewegungsarmut der Kinder und mehr Begegnungsraum, nicht nur für Seniorinnen und Senioren (Stichwort Vereinsamung), für eine sozialere, weniger krank machende, lebenswertere Stadt…

Wo ein (politischer) Wille ist, ist auch ein Weg (zur Verkehrswende). 😉

Weiterführende Informationen mit Podcast zum Hören auf Deutschlandfunk Nova und einem weiteren Film hier auf dem Blog.

Fahrradstellplätze vs. Tiefgaragenplätze und Entfall von Parkplätzen: Baden-Württemberg und Kopenhagen

Die Landesbauordnung Baden-Württembergs sieht in §37 vor, dass „bis zu einem Viertel der notwendigen Kfz-Stellplätze […] durch die Schaffung von Fahrrad-Stellplätzen ersetzt werden kann. Dabei sind für einen Kfz-Stellplatz vier Fahrrad-Stellplätze herzustellen; […] “

Warum gibt es diese Option nicht schon längts in der niedersächsischen Bauordnung?

Stattdessen werden bei vielen innerstädtischen Bauvorhaben Tiefgaragen errichtet. Bei Annahme von Herstellungskosten für einen Tiefgaragenplatz von 25.000 €,  inkl.  weiterer erheblicher Instandhaltungskosten „über die Jahre“, und Betrachtung der Prognosen des privaten PKW-Besitzes in der urbanen Bevölkerung, müssten Planerinnen und Planer ein Gespür für die Fehlentwicklung im Wohnungsbau bekommen.

In Paris beispielsweise besitzen nur noch weniger als die Hälfte der Bevölkerung ein eigenes KFZ. In Wien sind Verkaufszahlen der Jahreskarten für den ÖPNV und die Zulassungszahlen von PKWs seit der Einführung des 1€ pro Tag-Tickets für den ÖPNV rückläufig.

Warum macht sich die Architektenkammer in Niedersachsen also nicht für die Änderung der LBauO zugunsten von Fahrradstellplätzen statt Parkplätzen (in Tiefgaragen) stark und macht dabei, by the way, einen sinnvollen Vorschlag für kostengünstigeres Bauen?

In Kopenhagen entfallen seit Jahrzehnten jährlich bis zu 3% der kostenlosen Parkplätzen in der Stadt. Angefangen an den Kreuzungen zur besseren Sichtbarkeit und sichereren Überquerung für den Fuß- und Radverkehr setzt sich die Rückeroberung des öffentlichen Raumes auch auf vielen Straßen fort. Dort wo keine Autos fahren und parken können, entsteht Raum en masse für mehr Aufenthaltsqualität und  für eine nachhaltige Mobilität. Übrigens besitzen mittlerweile 25% der Kopenhagener Familien ein Lastenrad, da die Infrastruktur ein schnelles und angenehmes Fortkommen ermöglicht.

Parkraumbewirtschaftung: Basel und Bremen

Das Zauberwort zur sinnvollen Steuerung des Parkverhaltens in Städten heißt Parkraumbewirtschaftung. Es meint nichts anderes als über Parkgebühren, Anzahl und Standort von Parkplätzen das Verhalten der Bewohnerinnen und Bewohner einer Stadt und ihrer Besucherinnen und Besucher im Sinne der nachhaltigen Mobilitätsformen positiv zu beeinflussen.

Bei fehlendem Platz für den Wohnungsbau in den Ballungsgebieten und damit verbundenen hohen Preisen bei Kauf und Miete von Immobilien, kann kostenloses Parken mit dem eigenen KFZ überall keine „Sowieso“-Leistung mehr sein. Die Einnahmen aus einer flächendeckenden Parkraumbewirtschaftung mit Anwohnerparkzonen, höheren Parkgebühren für öffentliche Stellplätze und Parkhäuser etc. finanzieren idealerweise die Alternativen wie den ÖPNV und den Fuß- und Radverkehr.

In Helsinki werden Schnellstraßen, die ins City-Zentrum führen, zurückgebaut, um mit dem Bau von Häusern ebendort der Wohnungsnot Herr zu werden. Ein großer Vorteil ist, dass die dort einziehenden Menschen durch die Nähe zu den städtischen Versorgungseinrichtungen kein Auto vor der Haustür benötigen, der Artikel in der Süddeutschen Zeitung dazu.

Weiterführende Informationen stellt das Deutsche Institut für Urbanistik im Artikel Parkraumbewirtschaftung – Nutzen und Effekte dar. Unser Blog wirft im Beitrag Parkraumbewirtschaftung – Wie machen es andere Städte? einen Blick über die Grenzen Hannovers und Niedersachsens hinaus.

Radwegefurten: Hannover

Dauerhafte Vorfahrt für den Radverkehr mit Hilfe von sicher gestalteten Radwegfurten schafft Schnelligkeits- und Sicherheitsvorteile für Radfahrinnen und Radfahrer und reduziert durch die einspurige Straßenführung gleichzeitig die Geschwindigkeit des Autoverkehrs.

Weiterführende Informationen in den Blog-Beiträgen zur gelungenen Radwegfurt am Ferdinand-Wilhelm-Fricke-Weg: hannoverCYCLCE ‚Better in the Block‘ #9: Neuer Standard bei Radwegfurten?!

…und zu nicht vorhandenen Radwegfurten wie an der Stadionbrücke: hannoverCYCLE ‚Better in the Block‘ #4: Nicht ‚Lust auf Fahr­rad‘, eher ‚Frust aufm Fahr­rad‘!

Weitere Initiativen, die sich im Großen und im Kleinen für ein Hannover für die Menschen einsetzen, sind z. B. die HannovAIR Connection, ein Zusammenschluss von 15 Vereinen, Verbänden und Initiativen, oder auch die lokale Nachbarschaftsinitiative Jamiel-Kiez in Hannover-Linden.

Also, liebe Plannerinnen und Planer, lest mehr Jan Gehl und tragt Euren Teil zu einer lebenswerten Umwelt mit weniger Lärm, Stau und Abgasen bei. Eure Kinder, Enkel und Mitmenschen werden es Euch danken!

MfG, Eure „PlatzDa! ist hannovercyclechic-eria

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