Nahmobilität stärken? Ein Film aus Hannover und eine Studie aus Kanada zeigen, warum!

Herr Prof. Monheim erläutert in seinem Impulsvortrag bei der PlatzDa!-Podiumsdiskussion „Wie wollen wir leben in unseren Stadtteilen (und Städten)? am 9. Februar 2017 im Lindener Rathaus zunächst die Vorteile der Nahmobilität. Im zweiten Teil dieses Beitrags klärt eine Studie aus Toronto den Irrglauben auf, der Großteil der Kunden in lokalen Einkaufsstraßen kämen mit dem eigenen PKW zum Einkaufen. Und am Schluss ziehen wir ein Fazit dieser Eindrücke…

Ein kürzlich erschienener Artikel von Charlie Sorrel auf der Seite www.fastcoexist.com auf Grundlage einer aktuellen Studie kommt zum Einkaufsverhalten in einer Einkaufsstraße in Toronto zu folgendem Schluss, hier folgt die Übersetzung des Artikels:

„Nur ein Bruchteil der Autofahrer, die auf einer Einkaufsstraße in Toronto, Kanada, parkten, kauften dort ein – und Radfahrer und Fußgänger sind die treueren Kunden.

(Die Bildern ergänzen den Beitrag mit Beispielen aus anderen Städten.)

75% der Kunden in Hannovers Innenstadt kommen mit dem ÖPNV oder mit dem Rad, nur 20% der City-Besucher in Hannover kommen laut dieser Studie mit dem Auto in die Innenstadt

Eines der häufigsten Argumente gegen den Entfall von Parkplätzen in der Innenstadt ist, dass sich die Umsätze verändern werden. Und diejenigen, die dies glauben, liegen richtig: Es hat Auswirkungen auf die Geschäfte – nur ganz anders als erwartet. Bei weniger privaten Fahrzeugen in den Innenstädten erhöht sich der Handel durch ein Mehr an Fußgängern und Radfahrern. Eine neue Studie über die Queen Street West in Torontos Stadtviertel Parkdale belegt diese Annahme. Ende 2015 wurde eine Untersuchung beauftragt, um zu sehen, wie viele Menschen mit dem Auto und wie viele zu Fuß oder mit dem Rad in eine Einkaufstraße kommen.

Die Frage war: Welche Auswirkungen haben ein Parkverbot oder andere den motorisierten Verkehr einschränkende Maßnahmen bei gleichzeitiger Stärkung des Fuß- und Radverkehrs auf lokale Unternehmen.

Die Grafik ist der Broschüre des AGFK Bayern „Mit Radverkehr dreht sich was im Handel“ entnommen

Der Bericht stellt fest, dass lokale Kaufleute gegen den Bau von Radwegen oder die Erweiterung der Fußwege auf Kosten der Parkplätze am Straßenrand waren. Das klingt sinnvoll, glaubten sie doch, dass die meisten ihrer Kunden mit dem Auto ankamen. Über die Hälfte der Kaufleute dachte auch, dass es nicht genug Parkplätze in ihren Straßen gibt. Auf der anderen Seite dachten nur 19% der Besucher, auch die mit dem Auto anreisen, dass es nicht genug Parkplätze gibt. Und nicht nur das: Die Kunden waren überwiegend für verbreitete Radwege oder Bürgersteige, sogar wenn dafür einige Parkplätze weichen.

Überraschend dieser Vergleich: Fast die Hälfte der örtlichen Unternehmer schätzte, dass mehr als 25% ihrer Kunden mit dem Auto ankämen. Die tatsächliche Zahl? Nur 4%. Mit Abstand die häufigste Art, um in die Stadt zu gelangen ist zu Fuß oder mit dem Rad, 72% der Besucher kommen auf diese Weise. Radfahrer und Fußgänger waren auch die besseren Kunden, da sie mehr Zeit in der Gegend und mehr Geld pro Monat ausgeben als die Besucher der Einkaufstraßen, die sich im Drive-by-Shopping übten.

Die Einzelhändler in Graz haben 2009 angenommen, dass 58% Ihrer Kunden mit dem Auto kommen, tatsächlich waren es lediglich 32%. Die Grafik ist der Broschüre des AGFK Bayern „Mit Radverkehr dreht sich was im Handel“ entnommen

Es gab einen Punkt, in dem sich alle einig waren: „Die Mehrheit der Besucher (53%) und die Händler (64%) stellte fest, dass nicht genügend Fahrradparkplatze vorhanden waren“, so der Bericht.

Es ist ziemlich eindeutig, dass das der Rückbau von Parkplätzen auf den Straßen der Innenstadt die Dinge nicht schlimmer für lokale Unternehmen macht – und das bereits schon, bevor die Verbesserungen berücksichtigt werden, die bei weniger Parkplätzen umgesetzt werden können: Breitere Fußwege und mehr Radwege machen Straßen angenehmer und gastfreundlicher und regen dazu an, dort mehr Zeit zu verbringen. Vielleicht ist es sinnvoll, Parkplätze entfernt von Einkaufsmeilen zu konzentrieren – man könnte so argumentieren: Alle, die ihre Autos entfernt geparkt kommen zu Fuß als Laufkundschaft an zahlreichen anderen Geschäften vorbeikommen – was will ein Ladeninhaber mehr?

Diese Grafik zeigt die Flächenverteilung von 200 Berliner Straßen. Quelle: Flächen-Gerechtigkeitsreport der Initiative Clevere Städte

Ein Großteil der Opposition gegen Pläne, Fußgänger und Radfahrer anstelle von Autos zu favorisieren, kommt von lokalen Unternehmern. Die Frage stellt sich, was passieren würde, wenn Händlern diese Zahlen vorgestellt werden. Würden sie immer noch auf Parkplätze bestehen, wenn sie wüssten, dass nur 4% ihrer Kunden diese überhaupt benutzen? Wahrscheinlich nicht.

Broschuere Einkaufen mit dem Rad in der Steiermark

In der Steiermark in Österreich wird in einer interessanten Broschüre (PDF-Datei) gar um und für fahrradfreundliche Geschäfte geworben.

Der Bericht, der Ende 2016 veröffentlicht wurde, zeigt, dass die meisten Unternehmer überschätzten, wie viele ihrer Kunden mit dem Auto ankamen. Nicht nur das, aber die Besucher selbst haben überwiegend verbreitete Radwege oder Bürgersteige bevorzugt, auch wenn es darum ging, einige Parkplätze zu opfern.“


Ein PlatzDa! -Fazit:

Vielleicht profitieren schon bald die Stadtteile, Geschäftsleute und Einzelhändlerverbünde, die auf sich wandelnde, moderne und lebenswerte Stadtteile setzen mehr als diejenigen, die stur an der autogerechten Stadt festhalten wollen.

Zumindest bei Betrachtung der Vergangenheit liegt dieser Schluss nahe.

Die Einrichtung aller Fußgängerzonen in Hannover, sei es in der Innenstadt oder auch in der Lister Meile, waren mit Protesten und Untergangsszenarien verbunden. Heute plädiert niemand mehr dafür, die Uhr (nicht das Rad 😉 zurückzudrehen.

Selbst der vermeintliche Zankapfel Limmerstraße gehört in diese Reihe: Kann sich irgendwer ernsthaft vorstellen diese Verbindung wieder für den Autoverkehr als Durchgangsstraße von Hannover nach Limmer und den übrigen westlichen Stadtteile zu öffnen? Wohl kaum…

Vielleicht nehmen auch die Inhaber der Geschäfte am Lindener Markt und in der Stephanusstraße unsere Idee aus 2016 auf, Radfahrern Rabatte beim Blauen Wunder 2017 zu gewähren. Hier unser Vorschlag dazu: Das gibt’s doch gar nicht: Prozente beim ‚Blauen Wunder‘ in Linden! !

Es grüßen Sie und Euch, Ihre und Eure PlatzDa! -Flaneur*innen von hoffentlich bald schon noch mehr verkehrsberuhigten Plätzen und Straßen

The Fast ’n‘ Furious oder Freiberufler, Festivals und Fahrradanhänger

Tosh Leykum, Filmemacher aus Linden-Nord, wird die Podiumsdiskussion am 09.02.2017 um 18.30 im Lindener Rathaus filmen.

Seit ca. 15 Jahren ist er freiberuflicher Videoproduzent, Filmemacher und Videokünstler. Er besitzt weder Auto noch Führerschein. Darauf kann er nach eigener Aussage selbst als Freiberufler verzichten.

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Die beliebtesten Beiträge des Blogs 2016?

Ehre, wem Ehre gebührt: Die fünf meist geklickten (und vielleicht auch gelesenen, wer weiß das schon?) Beiträge bzw. Seiten des vergangenen Jahres waren:

#1 Erste Rad-Zählstation eingeweiht

Unser Oberbürgermeister ausnahmsweise mal in einer Nebenrolle, aber mit Schirm, Charm und — ähemm, räusper, tuschel —  Limousine…

 hannovercyclechic zählstation lange laube eröffnet 3

#2 Heißes Eisen Limmerstraße oder doch lieber ’nen lauwarmen Kakao 

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Bundesweit anerkannter Mobilitätsexperte auf dem Podium bei „Wie wollen wir leben in unseren Stadtteilen (und Städten)?“

Stolz dürfen wir verkünden, dass Herr Prof. Heiner Monheim seine Teilnahme an unserer Podiumsdiskussion

Wie wollen wir leben in unseren Stadtteilen (und Städten)?

am 09.02.2017 um 18.30 Uhr im Lindener Rathaus zugesagt hat.

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DER FILM ZUR AKTION: Im Schneckentempo 🐌 und mit Humor 🎄 zur Mobilitätswende in Hannover?

Eine Schnecke und ein Weihnachtsbaum symbolisierten bei unserer „Auf die Plätze, fertig, los…“ -Aktion am 17.12.2106 auf dem Weihnachtsmarkt in Hannover-Linden das Tempo, in dem Hannover seine Mobilitätswende zu einer Umwelt- und Nerven schonenderen Mobilität vollzieht… oder eben auch nicht!

Hier gibt es die Bilder und den Blogbeitrag der amüsanten Aktion im Vorweihnachtstrubel. Aber seht doch einfach selber:

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linden

Schöne Bescherung: Die Linden-Limmer Stiftung unterstützt unser Engagement

Bei der Auftaktveranstaltung von HannoverMachen haben wir Frau Erdmuthe Fischer von der Linden-Limmer Stiftung kennengelernt. Frau Fischer berichtete uns, dass die Stiftung Projekte fördert, die sich für das Miteinander im Stadtteil einsetzen.

Da fühlten wir uns angesprochen, haben das unkomplizierte Antragsformular auf der Homepage heruntergeladen, ausgefüllt und per Mail abgeschickt. Zwei Tage später erhielten wir die freudige Nachricht:

Unsere Podiumsdiskussion im Lindener Rathaus am 09.02.2017 zum Thema „Wie wollen wir leben in unseren Stadtteilen (und Städten)?“ wird von der Linden-Limmer Stiftung mit 250 € unterstützt.

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Der lebenswerte Stadt-Adventskalender am 21.12. #4 Steuerzahler

Liebe Flaneure, liebe Anwohner, liebe Kinder, liebe Radfahrer, liebe Autofahrer, liebe Fußgänger, liebe Senioren, liebe Atemwegserkrankten, liebe Steuerzahler,

wer profitiert alles von einer veränderten Mobilität und Aufteilung des öffentlichen Raumes in unseren Städten? Jeden Tag wird ein „Türchen“ aufgemacht, aus dem jemand herausguckt, dem es zukünftig in der Stadt besser gehen würde.

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